5: DIE PROTAGONISTEN 

Lykanthropie, Theriomorphose … Skinwalker, Gestaltwandler, Wertiere oder doch lieber Glitzervampire?

 

 

Wie in der Leseprobe von Band 1 hoffentlich deutlich wird, war es von Anfang an nicht meins, über Glitzervampire und stinkende Köter zu schreiben. Im Gegenteil! Dieses Ungleichgewicht sollte langsam nachhaltig aus der magischen Welt geschafft werden, dass lediglich die Blutsauger stilvoll, wunderschön und elegant sind – egal ob sie nun Menschen oder Tiere auf dem Speiseplan haben. Vampire sind tot … oder zumindest untot. Auch wenn J. R. Ward beispielsweise in ihrer erfolgreichen Buchserie „Black Dagger“ eine bemerkenswerte Klassifizierung der Vampire und ihrer Unterarten beschreibt, die als solche eine Parallelspezies darstellt, bleibe ich in MondZauber bei der klassischen Idee des Vampirs beziehungsweise den Ursprüngen der etymologischen Herkunft des Begriffes. Denn was seit über tausend Jahren von den Karpaten, über Skandinavien bis nach Westeuropa als „Vampir“, „vampyr“,  „wukodalak“, „Upir“, „Baobhan-Sith“ oder auch „Strigoi“ (abgeleitet von Strix: lat. Hexe) bezeichnet wird, gilt seit jeher in der weltweiten Mythologie als geflügeltes Wesen, halb Mensch – halb Dämon, als Grenzgänger zwischen dem Reich der Toten und der Lebenden oder auch als nichtverwester Leichnam ohne Sterbesakramente. Wobei das Blutsaugen erst sehr viel später dazu gedichtet wurde, etwa von den irischen Schriftstellern Joseph Thomas Sheridan Le Fanu sowie Bram Stoker. Aber auch die bis heute nicht belegte Geschichte der ungarischen „Blutgräfin“ Erzsébet Báthory diente so manches Mal als literarische Vorlage.

 

Kurzum: Auch mit ganz viel Fantasie kann ich es mir einfach nicht vorstellen, dass ein (wenn auch sehr langsam) verwesender und eigentlich toter Körper betörend aussehen und vor allem riechen soll. Also kam ich beim Plotten der MondZauber-Tetralogie zu dem Schluss, dass schon allein aufgrund der Tatsache, dass sich in den Legenden der Neuzeit Mister Dracula auch in einen Wolf, eine Fledermaus oder was auch immer verwandeln kann, es sich also bei Vampiren um untote Gestaltwandler handeln muss. Was es in MondZauber damit auf sich hat, werdet ihr bald lesen können. :-)

 

Vampire sind untote Gestaltwandler

 

Ein weiterer Aspekt meiner Recherche waren die Gestaltwandler selbst. Wer sagt eigentlich, dass es sich dabei ausschließlich um Wölfe handelt? Während die Lykanthropie meines Erachtens negativ durch die klinische Psychologie besetzt ist, wird das breite Spektrum der tierischen Metamorphose durch den Begriff Therianthropie oder auch Theriomorphose deutlich, welche bis ins Mittelalter jedenfalls bei nichtchristianisierten Naturvölkern ein völlig normaler Aspekt der Religion beziehungsweise des Schamanismus war. Auch bei MondZauber wird es selbstverständlich um Werwölfe gehen, aber auch andere Wertiere spielen eine Rolle – genauso wie Schamanen und diverse Totems. Meine Überlegungen gingen dabei soweit, dass es sich in meiner Geschichte grundsätzlich um Tiere handeln sollte, die in Europa ansässig sind, was insbesondere die drei größten Landräuber betrifft: Bär, Wolf und Luchs. In den letzten Wochen habe ich einige interessante Dokumentationen über ebenjene Raubtiere gesehen. Sowohl Bär als auch Wolf und Luchs gehörten in Deutschland aber auch in weiten Teilen Europas quasi mal zur Grundausstattung der mannigfaltigen Fauna … bis der Mensch zu Ackerbau und Viehzucht überging, irgendwann das Märchen vom Rotkäppchen erfand und seither auf alles schießt, was ihm im Weg ist, wovor er Angst hat und ihm vor die Flinte kommt.

 

Gestaltwandler sind mehr als nur Werwölfe

 

In Brandenburg siedeln sich seit knapp zehn Jahren wieder Wölfe an. Da ist es also nicht so verdammt schwer, hier ein Wolfsrudel leben zu lassen, das ab und an den Mond anheult. Da aber Band 2 in Irland spielen soll, wo der Wolf bereits seit Jahrhunderten als ausgerottet gilt, ist nunmehr Fantasie gefragt. Wovon ernähren sich die dort lebenden Gestaltwandler? Wie groß und wie alt sind die irischen Rudel? Verwandeln sie sich im Rhythmus, den Frau Luna vorgibt, oder nutzen sie gegebenenfalls sogar moderne Wissenschaft? Wie kommunizieren die Werwölfe, wenn sie sich durch ihr Heulen in der Nacht verraten könnten? Fakt ist, dass ich selbstredend bei den klassischen Wertieren bleiben möchte, denn schließlich ist es wenig spannend, wenn sich meine Protagonisten in niedliche Kuschelkätzchen verwandeln. Außerdem möchte ich mich selbstverständlich der vermeintlich dunklen Seite unseres Daseins widmen. Der humanen Schattenseite, die sich weit weniger vom Tier unterscheidet, als uns „zivilisierten“ Menschen lieb ist, die in ihrer ehrlichen, zielorientierten, instinktiven Art jedoch fairer, kollektiver und kompatibler ist, weil sie im Einklang mit der Natur steht.

 

Lange Rede – kurzer Sinn: In MondZauber wird es brutal, archaisch, düster und kompromisslos zugehen, aber der Mensch steht nur in absoluten Ausnahmefällen auf der Speisekarte meiner magischen Freunde. Worin sich nun LYRA verwandelt? Warten wir es ab …

 

Textschnipsel aus MondZauber/Band 1: "Die Verwandlung"

 

… eine Frage hatte sie noch: „Muss ich mich von Menschenfleisch ernähren?“

Miranda schaute sie an, als hätte Lyra gefragt, ob sie zukünftig auf dem Mond leben müsse. Dann schüttelte sie energisch den roten Lockenkopf. „Das ist doch ausgemachter Blödsinn. Oder ernähren sich richtige […] etwa vom Homosapiens? Die Menschen nehmen sich einfach viel zu wichtig. Frag mal Rotkäppchen.“ Jetzt grinste sie über das ganze Gesicht und erhob sich elegant vom Boden. „Komm, Schätzchen. Wir gehen uns jetzt amüsieren. Jetzt, da du weißt, dass du einzigartig bist, aber nicht zwangsläufig an deinen Freunden nagen musst, um satt zu werden. Es sei denn … diese Jenny scheint besonders zartes Fleisch zu haben.“

 

Ein schelmisches Grinsen machte sich auf Lyras Lippen breit. Theatralisch hob sie die Hände, deren Finger sich nun zu Klauen bildeten, und hinkte auf ihre Tante zu. Knurrend imitierte sie in drohender Pose ein zähnefletschendes Monster: „Schauen wir mal, wo sich mein Abendessen herumtreibt.“ Mirandas Augen wurden groß, bis sie begriff, dass Lyra definitiv genauso viel schwarzen Humor besaß wie sie selbst. Kichernd verließen beide Frauen die Lästerecke. In der Tür drehte sich Lyra noch einmal um und fragte sich, ob sie diesen Ort wohl je wiedersehen würde.

 

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Das Debüt EP "Girl" (ISLAND). Ganz nach meinem Geschmack.

Quelle: YouTube

Mari März ist Mitglied bei Writers Online
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© Mari März (2014 - 2017)