Kapitel 8

Der Berliner Friedrichshain und seine Metamorphose

 

Liebste Ella!

 

Da bin ich wieder. Für heute habe ich mir auf meiner Reise in die Vergangenheit den Friedrichshain ausgesucht. Hier habe ich mir zunächst einmal ein schönes einsames Frühstück gegönnt.

 

Was an sich ganz einfach klingt, wurde schließlich zu einem Projekt - vergleichbar mit der berühmten Nadel und dem Heuhaufen. Denn mittlerweile gibt es so viele Kneipen, Restaurants und Bars im Friedrichshain, dass die Auswahl wirklich schwerfällt. Und Touris und Zugereiste findet man an jeder verdammten Ecke – von der Simon-Dach bis rund um das alte RAW-Gelände. Ohne Frage sind hier wirklich tolle Locations entstanden. Aber will ich da hin? Wer in Berlin groß geworden ist, der sehnt sich nicht nach dem Mainstream, sondern sucht vielmehr nach Gleichgesinnten und Vertrautem. Unsere Welt dreht sich viel zu schnell, weshalb wir bisweilen einen Anker brauchen, der uns das Gefühl von Heimat vermittelt – hier, in dieser einzigartigen Stadt mit ihrer nie enden wollenden Metamorphose. 

 

 

Vielleicht stand mir deshalb heute der Sinn danach, etwas mit ausreichender Authentizität auszuprobieren. Auf meinem Trip durch den Friedrichshain wollte ich in (N)Ostalgie schwelgen und entschied mich deshalb für einen Besuch im Café Sibylle. Das Kaffeehaus mit dem frechen gelben Schriftzug im Schaufenster gehört zu den Zeitgenossen des sozialistischen Klassizismus und ist quasi genauso alt wie die Karl-Marx-Allee. Genauer gesagt gibt es das Café Sibylle seit den frühen 1950er Jahren und gehört neben dem „Zenner“ zu den wenigen gastronomischen Einrichtungen, die den Stalinismus, Sozialismus, die Anarchie der Wendezeit und den kollektiven Neokapitalismus überlebt haben.  

 

Naja, die Stalinallee selbst natürlich auch. Oder Karl-Marx-Allee. Nur wohnen heute kaum noch die alten Genossen, dafür junge Beamte aus Westdeutschland  mit ihren Familien dort. Zum 1. Mai marschieren hier nicht mehr die Pioniere, FDJler, Werktätigen und Angehörigen der bewaffneten Organe. Auch die Panzer rollen nicht mehr und lassen das gute Porzellan auf dem frisch gedeckten Festtagstisch klappern. Statt sozialistischer Kader flanieren heute scharenweise Politikwissenschaftsstudenten a.D. über den Asphalt der einstigen Paradestraße, in teure Outdoorkleidung gehüllt, mit Kind und Hund und dem guten alten Che Guevara auf dem stylischen T-Shirt. So ändern sich die Zeiten.

 

Wer sich für die Geschichte des Friedrichshains und der Karl-Marx-Allee im Besonderen interessiert, sollte im Café Sibylle vorbeischauen, denn hier lässt es sich nicht nur gemütlich sitzen, die Location verfügt über sein eigenes kleines Museum, das ein Muss ist für alle Neu-Berliner und Zugereisten aber auch für uns Hauptstadt-Urgesteine. Ich hatte ein kleines Frühstück, einen großen Pott Kaffee und jede Menge geschichtlichen Input. Doch es zog mich weiter, schließlich war ich noch aus einem anderen Grund in den Friedrichshain gekommen. Ich wollte in aller Ruhe die Boxhagener Straße und vor allem die Mainzer Straße besichtigen. Denn obwohl ich in den letzten Jahren oft im Friedrichshain war, ja sogar hier gewohnt habe, bin ich doch nie wieder an die historischen Schauplätze des legendären Häuserkampfes im Jahre 1990 zurückgekehrt.

 

Nach einem ausgiebigen Umweg über den Bersarinplatz, vorbei am Weidenweg und Forckenbeckplatz, kam ich schließlich zur Liebigstraße, wo es noch im Februar 2011 zu gewalttätigen Ausschreitungen gekommen war, als hier das letzte besetzte Haus geräumt wurde. Über die Proskauer und Rigaer Straße gelangte ich zur Frankfurter Allee … und da war sie: die legendäre Mainzer Straße, vor knapp 26 Jahren fand hier eine der größten Straßenschlachten seit der Weimarer Republik statt. 

Mainzer Straße im Juni 1990, Foto: Renate Hildebrandt (www.renate-hildebrandt.de)

 

Mit großem Interesse verfolgte ich damals das Geschehen während der (heute bereits historischen) Zeit vor und nach dem Mauerfall. Und obwohl mein Herz seinerzeit für die New-Wave-Musik schlug, bekam ich durch die häufigen Besuche bei meinen Schwestern vieles hautnah mit. Als im Sommer 1990 die Fenster mit Stahlplatten verbarrikadiert wurden und im November die Wasserwerfer in Stellung gingen, war diese Straße der Weg zu meiner Schwester, die zu jener Zeit in der Boxhagener Straße wohnte. Laute Musik drang aus den düsteren Fenstern, die vielmehr an Schießscharten erinnerten. Schatten bewegten sich auf dem Dach, die ersten Pflastersteine fielen vom Himmel. Alles erinnerte an Revolution und Anarchie – die Kehrseite der blühenden Landschaften, die uns der „Dicke“ im März 1990 versprochen hatte.

 

Wie oft bin ich wohl diese Straße entlanggelaufen? Damals waren besetzte Häuser im Friedrichshain fast die Normalität. Am Boxhagener Platz, in der Simon-Dach bis hin zur Liebigstraße waren die Häuser zu DDR-Zeiten heimlich, nach der Wende dann ganz offiziell illegal besetzt. Doch nicht nur die Punks nutzten seinerzeit die Ratlosigkeit der Ostberliner Behörden, um endlich an Wohnraum zu gelangen. Überall in Ost-Berlin machten sich die Menschen auf den Weg. Viele waren gegangen, doch die Mehrheit wollte bleiben. Im Sommer 1990 bin ich mit meiner Freundin Katti durch den Stadtbezirk Lichtenberg gelaufen und habe nach leerstehenden Wohnungen gesucht, die verlassen worden waren von all jenen, die vor und nach 1989 geflüchtet sind. Und sie hatten alles zurückgelassen und teilweise die Türen nicht mal verschlossen, weil sie genau wussten, dass sie nie wiederkommen würden.

 

Wir haben viele dieser Wohnungen gesehen, konnten die Geschichten der einstigen Mieter erahnen, wenn wir Fotos betrachteten, Schulhefte oder Dokumente fanden. Manchmal stand sogar noch benutztes Geschirr auf dem Küchentisch. Nicht selten überkam uns dann die Frage, ob die Besitzer tatsächlich immer freiwillig gegangen waren.  

 

Bei der noch vorhandenen kommunalen Wohnungsverwaltung Lichtenberg sagten sie uns im Frühjahr 1990, dass wir leerstehende Wohnungen melden sollten, dann würden sie uns eine davon vermieten. Dieses Versprechen war natürlich Schall und Rauch. Auf zwei achtzehnjährige Mädels nahm da niemand Rücksicht. Viel zu viele Menschen suchten damals eine brauchbare Bleibe. Denn gerade die Altbaugebiete waren vom sozialistischen Wohnungsbau vergessen worden, weshalb die meisten Wohnungen noch dem Standard der Nachkriegszeit entsprachen.

 

Meiner Schwester wurde beispielsweise 1987 eine Wohnung in der Boxhagener Straße zugewiesen, die eigentlich nicht bewohnbar war. Und trotzdem konnte sie ihr Glück kaum fassen. Vorher hatte sie in der Bänschstraße gehaust – ohne funktionierende Heizmöglichkeit und vor allem ohne Toilette. Dort gab es lediglich ein Gemeinschafsklo auf halber Treppe. Unter heutigen Maßstäben nicht vorstellbar.

 

Als sie im sechsten Monat schwanger war, ging sie zur KWV, der kommunalen Wohnungsverwaltung der DDR, und beantragte Wohnraum für sich und ihr ungeborenes Kind. Man sagte ihr dort, dass sie wiederkommen solle, wenn das Kind auf der Welt sei. Sonst könnte ja schließlich jeder kommen. Ja, so war das damals. Als mein Neffe auf der Welt war, kam der Druck vom Jugendamt und meine Schwester durfte endlich in die eigenen vier Wände ziehen, auch wenn diese im Winter eiskalt waren und selbst im Sommer der Wind durch jede Ritze des bröckelnden Gebäudes in der Boxhagener Straße wehte. Doch wählerisch war zu dieser Zeit kaum jemand, vor allem nicht jene Bewohner der sowjetischen Enklave, die eben nicht stolz am Aufbau des sozialistischen Vaterlandes mithelfen wollten. Insofern war meine Schwester froh über ihre Einraumwohnung mit defektem Kohle-Ofen, ohne Badewanne und warmes Wasser, dafür mit eigener Toilette. Wir reden hier nicht von kurz nach dem Krieg. Nein, es war das Jahr 1987. 

 

Und wenngleich noch zwei Jahre vergehen sollten, bis das Ungetüm aus Stahl und Beton endlich fallen würde, waren jene Tage bereits erfüllt von Unruhe und Angst. In den Kellern der Kirchen wurden Flugblätter gedruckt, die Revolution wurde vorbereitet. Und meine Mutter befürchtete, dass nun auch ich als übriggebliebene Tochter mich mit dem Staat anlegen würde, der mobil machte und mit allen Mitteln vorging gegen seine eigenen Bürger. Die Zusammenhänge bekam ich damals nur am Rande mit, schließlich war ich ein Teenager und wohnte im verschlafenen Schöneweide, das beschützt wurde vom Wachregiment „Felix Dzierzynski“. Dass hier im Herbst 1989 die Panzer warmliefen, erfuhr ich erst sehr viel später. Meine Realitäten beschränkten sich darauf, dass uns verboten wurde, bestimmte Lieder in der Singegruppe unserer Schule zu singen und dass ich aufgrund diverser Meinungsäußerungen nicht zum Abitur zugelassen wurde.

 

Schon damals war ich ein Freigeist und konnte einfach nicht verstehen, weshalb ich nicht das sagen durfte, was mir durch den Kopf ging. Umso mehr hatte meine Mutter Angst, wenn ich aus dem behüteten Treptow nach Friedrichshain fuhr, um meine Schwestern zu besuchen, die irgendwann beide dort wohnten. Ich war jung und naiv und fand das alles furchtbar spannend. Damals, Ende der 1980er. Bei der einen Schwester trafen sich die Punks von Ostberlin, bei der anderen Teds und Rock’a Billys. Sehr gegensätzliche Moderichtungen. Sehr gegensätzliche Weltanschauungen. Und doch hatten sie für mich alle eines gemeinsam: sie waren anders als die breite graue Masse der fleißigen DDR-Bürger. Normal für einen Teenager? Sicherlich. Aus heutiger Sicht betrachtet, schon. Nur war es damals nicht so leicht, anders zu sein. Nicht selten wurden Punks, Teds, Skins sowohl von der Stasi ins Visier genommen als auch vom gemeinen Volk denunziert und allein wegen ihres Aussehens verurteilt. Wer damals anders sein wollte, musste verdammt mutig sein. Denn auf den Straßen Ost-Berlins pöbelten in den 1980er Jahren weniger die Punks oder Teds. Sie wurden bespuckt und beschimpft von jener Generation, die schon immer alles Neue und Andere verabscheut hatte. „Euch haben sie wohl vergessen zu vergasen“, war wohl der schlimmste Spruch, den sich die jungen Menschen mit bunten, toupierten, kahlrasierten oder pomadisierten Haaren seinerzeit anhören mussten.

 

Vom Staat geächtet, inhaftiert, deportiert. Vom Volk missachtet. Von den eigenen Eltern verstoßen. Das war das Los der jungen Vertreter der sogenannten autoritätskritischen Subkulturen in den 1980er Jahren der DDR. Nicht selten wurden sie an den Westen verkauft. Dafür waren sie gut genug. Warum? Das fragt sich im Jahre 2016 vielleicht der eine oder andere. Anders als heute war das Nichtstun seinerzeit eine Möglichkeit, sich gegen den Staat aufzulehnen. Manche hatten natürlich auch schlichtweg keinen Bock oder der Staat hatte ihnen verboten, ihren Beruf auszuüben. In der DDR galt bis 1984 die Pflicht zur Arbeit. Viele Ossis, die heute monatlich die Hand aufhalten und den alten Zeiten hinterhertrauern, haben das leider vergessen. Wer in der Diktatur des Proletariats nicht arbeiten wollte oder konnte, der wurde dazu gezwungen. Entweder direkt in die Produktion oder per Gesetz nach § 249 des Strafgesetzbuches der DDR.

 

Frankfurter Allee im Juli 2007, Foto: Wikimedia Commons/Dnsob

 

Doch zurück zur Mainzer Straße. Wer die Hintergründe nicht kennt, kommt leicht auf die Idee, dass alle Menschen, die seinerzeit in Ost-Berlin die Häuser besetzten, lediglich auf Krawall aus waren. Sicherlich gab es davon nicht wenige. Die Anhänger der Hafenstraße brauchten neue Wirkungsbereiche und kamen scharenweise direkt aus Hamburg oder dem West-Berliner Kreuzberg nach Friedrichshain. Damals.

 

Doch auch viele Bürgerrechtler machten sich seinerzeit stark für die Hausbesetzerszene, in der mindestens genauso viele „Stinos“ zu finden waren wie „Anarchos“. Bärbel Bohley war eine von ihnen. Zahlreiche Initiativen wurden gegründet, so etwa der Verein in der Kreuziger Straße und viele andere mehr. Und die Vermieter waren oftmals sogar froh über die bunte Schar der Hausbesetzer. Waren es doch ebenjene, die die marode Bausubstanz vor dem endgültigen Verfall bewahrten. Im Herbst 1990 galt es, die leerstehenden Häuser winterfest zu machen. Da kamen die Punks, die Bürgerrechtler und die vielen Wohnungssuchenden aus der wiedervereinten Republik gerade recht.

 

Dass die Sache dann eskalierte, hatte viele Gründe. Einer davon war, dass die Autonomen ihren Spaß haben wollten. Ihnen ging es nicht um die blanke Existenz, um ein Dach über dem Kopf. Ihnen ging es um Gewalt und Provokation. Hauptsache gegen den Staat, der seit dem 3. Oktober 1990 zwar wiedervereint, dafür umso fragiler war. Vielleicht wurde gerade deshalb mit harter Hand verteidigt und vonseiten der jungen Gesamtrepublik Deutschland ein Arsenal aufgeboten, das Stärke vermitteln sollte.

 

Die Bürgerrechtsbewegung versuchte, zwischen den gewaltbereiten Fronten zu vermitteln und bildete im November 1990 wieder einmal Menschenketten zwischen Polizei und dem Schwarzen Block. Obwohl Kerzen und friedliche Demonstrationen eine Diktatur gestürzt hatten, mussten sie hier kapitulieren. Die Straßenschlachten und Häuserkämpfe begannen. Tausende Polizeibeamte kamen aus ganz Deutschland und lernten auf ihre ganz eigene Art den Ostteil der geteilten Stadt kennen. Die „revolutionäre Situation“, wie wir sie einst im Staatsbürgerkundeunterricht gelernt hatten, endete nicht mit dem Mauerfall, sondern sollte erst nach und nach im Wohlstand versickern.  

 

Mainzer Straße im Jahre 2002, Foto: Wikimedia Commons/Leut

 

Heute erinnert nichts mehr an die Radikalität dieser Zeit. Jetzt wohnen gut situierte Pfälzer, Schwaben und Westfalen im Kiez. Die Häuser sind saniert im Friedrichshain, im Prenzlauer Berg, im SO 36. Wo früher ACAB-Graffitis die bröckelnden Fassaden zierten, gibt es heute Reformhäuser und Bioläden. Die einstigen grauen Häuserzeilen mit ihren Arbeiterwohnungen der 1920er Jahre sind prachtvoll saniert. Die Mieten steigen und steigen. Und die in Berlin Geborenen ziehen nach Brandenburg in den Speckgürtel.

 

Manchmal trifft man die alte Garde der Bürgerbewegung noch in den Ausstellungen in Ost-Berlin; in der Galiläakirche zum Beispiel. Die Rigaer Straße sieht heute noch ein bisschen so aus wie früher. Ein Teil des Friedrichshains wurde eben noch nicht annektiert von den Miethaien. Und obwohl ich natürlich grundsätzlich froh darüber bin, dass die Häuser endlich bewohnbar und toll restauriert sind, bereitet mir eines jedoch erhebliche Bauchschmerzen: ein Münchner, Hamburger oder Stuttgarter ist bereit, fast jede Miete in Berlin zu zahlen. Das treibt den Preis exorbitant in die Höhe. Der Wucher regiert und die Oma, die zuerst die SS, später die Russen und dann die Grenztruppen über die Stalinallee marschieren sah, wird nun Opfer des Mainstreams. Was nicht zeitgemäß ist, wird abgeschoben, eliminiert, ausgeblendet, vergessen. Und der Zahn der Zeit bekommt hohle Wurzeln.

 

Doch wat willste machen? Immer nur nach hinten kieken, bringt dich och keen Stück voran.

 

Zum Abschluss meiner Reise in die Vergangenheit gönnte ich mir ein schönes Mittagessen im SCHOENBRUNN. Sogar die Ösis haben erfolgreich den Friedrichshain für sich entdeckt. Die Zeiten ändern sich gewaltig. Heute schlürfen die Steineschmeißer von gestern in Anzug und Krawatte ihren Latte Macchiato im Volkspark und schicken ihre Kinder auf Privatschulen. Der alte Joschka hat es ihnen vorgemacht.

 

Dekadent ist die Welt geworden. Und viel, viel ruhiger. Manchmal sehne ich mich zurück in jene Zeit, als wir noch hungrig waren …

 

 

© Mari März, 3. Oktober 2016

Auszug aus dem unveröffentlichen Manuskript "Ver(-)rückte Wahrheiten - Tagebuch einer Übriggebliebenen"

Mari März ist Mitglied bei Writers Online
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