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Reich mir mal die SalzstreuerIn!

 

Dienstag, 5. November 2013

 

Eigentlich wollte ich diese Kolumne mit „Liebe Leser“ beginnen. Aber Dank der 68er wäre diese Wortwahl im 21. Jahrhundert, dem Bewusstseinszeitalter, mehr als Wahnsinn. Ich stelle mir vor, wie mich die „besseren Männer“ anrufen und darüber lamentieren, dass sie sich doch nicht umsonst damals die BHs vom Leib geschnitten hätten. Wie furchtbar! Ich meine, reicht den Feministinnen denn nicht das Mehrzahl-„die“? Es gibt übrigens keinen Feministen, also männlich, Einzahl, oder? Dann ist dieses Wort selbst wohl ganz und gar weiblich? Warum also die Feministin? Gibt es dann bald auch die Frauin?
Also, noch einmal von vorn:

 

Liebe Leser (genderfreie Mehrzahl)!

Ich frage mich, wer eigentlich dieses „I-Anhängsel“ erfunden hat. Wissen Sie es? Wenn man (ich staune, dass da noch niemand offiziell ein „frau“ draus gemacht hat) … wenn man also im Internet recherchiert, stößt man relativ schnell auf eine 25-seitige Abhandlung der Stadt Mainz (Herausgeberin: Frauenbüro) zum Thema „Feminin – Maskulin. Eine Einführung in die geschlechtergerechte Sprache“. Im Abschnitt 1.4. finden wir dort folgenden Text zur  Erfindung des großen „I“:

 

„Anfang der 80er Jahre tauchte es erstmals in der Schweiz auf, das große I als Ersatz für Schrägstriche und Klammern. Die Zürcher Wochenzeitung WoZ machte den Anfang, seit 1986 benutzt auch die tageszeitung (taz) beharrlich und mit großem Erfolg dieses »Binnen-I« genannte Gestaltungselement. Schließlich ging es um den Anspruch, auch nicht-sexistisch schreiben, Frauen nicht länger sprachlich ignorieren zu wollen.“

 

Moment mal! Wir reden hier von der Schweiz, in der Frauen erst seit 1971 wählen dürfen.

 

Nun gut, sprachlich wurden die Frauen in der Schweiz seit den 80ern also nicht länger ignoriert. Nur mussten sie im Kanton Appenzell Innerhoden noch knapp zehn Jahre warten, bis sie wählen durften. Denn das Stimmrecht für Frauen wurde hier erst am 27. November 1990 durchgesetzt. Übrigens gegen den Willen der Mehrheit der (männlichen) Stimmbürger.

 

Zum Vergleich: In der Türkei dürfen Frauen seit 1934 wählen, in Afghanistan (wenn auch mit Unterbrechungen) gibt es ein (relatives) Stimmrecht für Frauen seit 1964. Kennt man am Hindukusch, in Ankara oder generell zwischen Euphrat und Tigris eigentlich ein „Binnen-I“?

 

Auf jeden Fall haben sich die Schweizerinnen, mit kleinem „i“, über ihr „Binnen-I“ gefreut, auch wenn sie auf ein demokratisches Grundrecht, das Wahlrecht, lange verzichten mussten.

 

Schön artig den Mund halten, aber am Frühstückstisch sagen dürfen:

„Schatz, reich mir doch bitte mal die SalzstreuerIn!“.

 

In besagter Mainzer Abhandlung heißt es übrigens weiter:

 

„Das große »I« bot und bietet auch tatsächlich viele Vorteile: Wörter mit großem »I« lesen sich flüssiger als solche mit Schrägstrichen oder Klammern. Rein grammatikalisch gesehen, steht das »Binnen-I« aber an der gleichen Stelle wie ein Schrägstrich. Anders als der Schrägstrich trennt das »Binnen-I« ein Wort nicht in das männliche Grundwort und ein weibliches Anhängsel. Vielmehr betont es die grammatikalisch weibliche Form, denn von einem großen »I« zu einem kleinen »i« ist es rein optisch gesehen nur ein kleiner Schritt. MitarbeiterInnen, AmtsinhaberInnen, OberbürgermeisterInnen, PolitikerInnen, SchriftstellerInnen - die Worte zeigen auf den ersten Blick, dass hier auch Frauen im Spiel sind. Das große »I« ist bislang die populärste Antwort auf den männlichen Normalfall. In den Richtlinien zur geschlechtergerechten Sprache wird diese Lösung allerdings nicht empfohlen.“

 

Also gut, dieses „I“ ist also einfacher als Klammern und Schrägstriche. Aber warum muss es überhaupt existieren? Der Mitarbeiter + die Mitarbeiterin = die Mitarbeiter (Mehrzahl). Hätte das nicht gereicht?

 

Wie viel „I“ braucht eine emanzipierte Frau von heute?

 

Auf der anderen Seite können wir unverheirateten Mädels natürlich froh darüber sein, dass wir in und aus deutschen Amtsstuben seit 1972 nicht mehr mit „Fräulein“ angesprochen werden dürfen. Als ich ganz frisch im öffentlichen Dienst meine „Karriere“ startete, ganz ohne Hierarchieverständnis, jung und naiv, sprach mich ein älterer Beamter mit besagter Anrede an. Ganz im sozialistischen Sinne, frei nach dem Motto „wir sind alle gleich“, erzogen, fragte ich ihn, ob er verheiratet sei. Er verneinte. Daraufhin fragte ich ihn, ob ich ihn dann auch mit „Herrlein“ anreden dürfe? Der hat vielleicht geschaut! Seither war ich die „Dame aus dem Schreibdienst“, was ich auch nicht viel besser fand. Wir schrieben das Jahr 1990, ich war 18 Jahre alt, aufgewachsen im Arbeiter und Bauerstaat. Da gab es weder Damen noch Dienste. So viele Begrifflichkeiten aus der Zeit der Bourgeoisie war ich zu dieser Zeit überhaupt nicht gewohnt.

 

23 Jahre später sieht das natürlich anders aus. Heute bin ich so alt, dass ich jederzeit mit „Dame“ angesprochen werden kann. Manchmal klingt das auch ganz gut. Nur nicht aus dem Mund einer/eines 20-Jährigen.

 

In diesem Sinne …

Ihre/Eure Mari März

Mari März ist Mitglied bei Writers Online
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© Mari März (2014 - 2017)