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Eine Lanze für die Arbeitsagentur

Donnerstag, 28. November 2013

 

So, da war ich nun. Nach 23 Jahren Mitgliedschaft in diesem Verein war ich nunmehr das erste Mal bei der AA, um einen Gründungszuschuss zu beantragen.

 

Wenn man - wie ich - im öffentlichen Dienst beruflich aufgewachsen ist und einen unkündbaren Arbeitsvertrag hat, denkt man niemals daran, dass tatsächlich der Tag kommt, an dem man sich zu den sonst nur im Nirvana der politisch-gesellschaftlichen Vorstellungskraft befindlichen Menschen setzt. „Zieh 'ne Nummer und stell dich gefälligst hinten an" ist ein Spruch im Jargon der Großstadt. Aber in der Realität... naja, da sieht das dann schon mal anders aus.

 

Ich bin in Berlin geboren, habe knapp 40 Jahre dort gelebt und eine ungefähre Ahnung, wie es in landestypischen Amtsstuben aussieht. So ein Einwohnermeldeamt in Berlin-Neukölln ist schon eine Erfahrung. Oder das Rathaus in Berlin-Pankow. Die Wartezeit ist ziemlich dieselbe (man sollte sich ein Lunchpaket und ein dickes Buch mitnehmen), nur sind die Leute hier nicht so schön bunt, sondern alle aus Schwaben oder Rheinland-Pfalz.

 

Seit geraumer Zeit ist aber nun der brandenburgische Amtsschimmel für mich zuständig. Und ich kann Ihnen sagen, die Entschleunigung beginnt tatsächlich mit dem Besuch beim hiesigen Meldeamt. Keine Nummern. Keine Bing-Bong-Aufruf-Kiste. Die Wartezeit beträgt ca. fünf Minuten und der Sachbearbeiter war entzückend freundlich.

 

Aber zurück zur Arbeitsagentur. Ich hatte mich wirklich gut vorbereitet. Lunchbox, dickes Buch, Businessplan und jede Menge ausgefüllte Formulare lungerten in meiner Handtasche, als ich zum zweiten Mal die heiligen Hallen des SGB III betrat. Es war 7.45 Uhr. Das Amt wirkte wie ausgestorben. Niemand außer mir am Empfang. Keine Menschenseele im Wartezimmer. Jetzt verstand ich den unsicheren Gesichtsausdruck des Sachbearbeiters, die mir bei meinem ersten Besuch diesen Termin mit den Worten vorschlug: „Ist 8.00 Uhr zu früh für Sie?".

 

Ich ging eine Etage höher, wie von meinem Erstberater aufgetragen. Im Gegensatz zum Erdgeschoss war hier Leben in der Bude. Ein älteres Pärchen saß dort. Das heißt, der Mann saß. Die Frau sprang gerade auf, als ich guten Morgen sagte. In diesem Augenblick wünschte ich mir, wieder im Erdgeschoss zu sein. „Wie spät ist es, Eberhart?", keifte die Dame. „7.47 Uhr.", nuschelte es vom Stuhl mir gegenüber. „Das kann doch nicht wahr sein. Mit uns können sie es ja machen. Die denken wohl, wir haben ewig Zeit.", keifte die Dame weiter.

 

Es stellte sich heraus, dass der Herr auf dem Stuhl um 7.45 Uhr einen Termin hatte und die Dame ihn nur begleitete. So, wie Eberhart aussah, traute sie ihm gerade mal zu, allein auf's Klo zu gehen. Eine weitere Minute verging, in der die Furie (sie hieß übrigens Brigitte) vor sich hinmaulte: Sie hätten ihre Zeit nicht auf dem Jahrmarkt gewonnen. Die da würden doch hier nur für's Kaffeetrinken bezahlt werden und so weiter.

 

Als ich schon einwenden wollte, dass „die da" auch nur Menschen seien und die drei Minuten Wartezeit vielleicht durch ein wichtiges Telefonat oder einen Toilettenbesuch zustande kämen, betrat ein gut gelaunter Herr das Wartezimmer, der Eberhart freundlich in Empfang nahm. „Na, das wurde aber auch endlich Zeit", keifte die Dame beim Hinausgehen. Dann war es wieder friedlich.

 

Oha, dachte ich. Mein Blick fiel auf einen großen Aushang, in dem es um die Verpflichtung der Geschäftsführung zur „Gewaltfreiheit am Arbeitsplatz" ging. Mit Erstaunen nahm ich hier zur Kenntnis, dass es nicht um Mobbing unter Kollegen, sondern vielmehr darum ging, dass die Geschäftsführung der AA ihre Mitarbeiter vor gewalttätigen Übergriffen der Kundschaft schützen muss.

 

Meine Sachbearbeiterin kam und nahm auch mich freundlich in Empfang. Als ich sie darauf ansprach, was ich gerade erfahren hatte, sagte sie nur: „Hier bei uns geht es noch. Was glauben Sie, was im Jobcenter los ist?".

 

Deshalb ist es an der Zeit, hier einmal die Lanze und nicht den Stab für die Mitarbeiter der Arbeitsagenturen und Jobcenter zu brechen. Mit Sicherheit gibt es überall schwarze Schafe. Aber vielleicht sollten die „Anspruchsberechtigten" einmal daran denken, dass ihre Berater menschliche Wesen sind, die im Übrigen ihren Job machen. Im Jahr 2012 gab das BMAS 126,5 Milliarden Euro an Leistungsempfänger weiter, das sind 41,3 Prozent des gesamten Bundeshaushaltes. Nur 4,2 Prozent wurden für Bildung und Forschung ausgegeben.

 

Also, worüber wird hier eigentlich gemeckert? Sollten wir nicht glücklich sein über sehr gute soziale Leistungen? Sollten wir nicht stolz sein, dass Deutschland seinen Sozialstaat immer noch bezahlen kann? Sollten wir nicht dankbar sein für all die Mitarbeiter der Arbeitsagenturen und Jobcenter, die tagtäglich bemüht sind um die existenzielle Basis und den Wiedereinstieg ins Berufsleben?

 

Bleibt mir nur noch zu sagen: Danke für die freundliche und termingerechte Beratung!
Und drei Minuten Wartezeit sind noch keine Menschenrechtsverletzung, Brigitte!

 

In diesem Sinne ...
Ihre/Eure Mari März

Mari März ist Mitglied bei Writers Online
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© Mari März (2014 - 2017)