Sinnhaftes & Gereimtes

Flug der Erkenntnis

Mari März, 3. April 2014


Einst war ich ein bunter Vogel
in einem Käfig aus tristem Stahl.
Ich sang mein schönstes Lied,
kannte weder Hunger noch Qual.

Der Käfig wurde golden,
doch meine Stimme, die brach.
Es war nicht der Prunk,
sondern Kummer und Schmach.

Da saß ich nun -
Tag ein, Tag aus -
und sah zu dem Baume draußen
vor dem Fenster hinaus.

Einmal wie der Baum sein,
so groß und voller Macht.
Bei Sonne in sattem Grün,
majestätisch bei Nacht.

Ein Sturm kam auf,
es zerbrach ein Ast.
Nicht nur das Fenster dort,
auch mein Käfig zerbarst.

Eine frische Brise wehte
durch des Käfigs Tor herein.
Es war dieselbe Luft,
doch sie hauchte mir neue Träume ein.

Einmal die Welt sehen,
nur ein einziges Mal.
Aber ich blieb, wo ich war.
Die Träume wurden schal.

Ich erblickte das Kettchen,
das umwand meinen Fuß.
Ich zog daran...
Es zerbrach - zu meinem Verdruss.

Was sollte ich tun?
Wo sollte ich hin?
In die weite Welt
oder bleiben, wie ich bin?

Ein Windzug kam
und wehte durch mein Gefieder.
Wozu hab ich Flügel?
Ich hüpfte auf und nieder.

Flieg los, kleiner Vogel!
Tu das, wozu du geboren!
Und ich flog hinaus
und fühlte mich verloren.

Doch ich flog weiter -
um die ganze Welt und zurück. 
Ich sah andere Länder,
was war das ein Glück. 

Und ich kehrte wieder -
nicht nach Haus, sondern zu mir.
Ich hatte mich gefunden
in dem wunderschönen Baume hier.

Ich sah durch mein Fenster,
ein zartes Liedlein erklang.
Dort saß ein bunter Vogel,
der im Käfig dort sang.

Ich war neu geboren,
denn die Erkenntnis war mein.
Nichts macht mich glücklicher,
als frei zu sein.

Mari März ist Mitglied bei Writers Online
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