Grenzenlose Begrenzung … nüscht als Bretter und keine Frage des Präfixes

 

 

Während die Ossis im Allgemeinen und wir Berliner im Besonderen historisch gesehen vielmehr mit der EINgrenzung zu tun hatten, kann ich als Linkshänder Baujahr 1972 behaupten, dass mich der Begriff „AUSgrenzung“ schon seit Kindertagen begleitet. Vielleicht nicht direkt im Wortlaut, dafür aber mindestens genauso vermeintlich verkehrt wie die Hand, in der ich den Stift, die Zahnbürste, das Weinglas halte (selten in dieser Reihenfolge übrigens).

 

All jene, die den Satz „Toll gemacht, und vor allem mit links“ schon mehr als einmal gehört haben, wissen, dass die BEgrenzung der humanen Wahrnehmung schon ziemlich nerven kann. Insbesondere dann, wenn Menschen eine gewisse Arroganz an den Tag legen, die einfach nur zum Brüllen komisch ist, wenn sie nicht so traurig wäre. Was will ich sagen: Diese Debatte und überhaupt die Fragestellung „Wollen wir sie reinlassen?“ geht mir sowas von gegen den Strich. Allein deshalb, weil viele Leute der Meinung sind, sie hätten tatsächlich darüber zu entscheiden, wer aus welchem Grund hierbleiben darf und wer nicht. Nun liegt es mir fern, hier zum trilliardensten Mal zu wiederholen, was so viele vor mir schon richtig erwähnten, dass wir Gesicht zeigen sollen und ebenjene Menschen (ja, es sind tatsächlich immer und ausnahmslos Menschen, die da zu uns kommen) nicht ausgrenzen. ABER. Ich wäre nicht ich, wenn ich nichts zu meckern hätte. Genau genommen möchte ich zwei Dinge hier heute in die Runde werfen, die mir in diesem Zusammenhang unter den Nägeln brennen:

 

Zum einen ist das – wie erwähnt – die mannigfaltige Arroganz, die sich so gern mit ihrer Schwester Ignoranz in eine Ecke stellt. Wenn ich bei Facebook & Co. lese „ich habe ja nichts dagegen, dass die hierherkommen, aber …“,  dann frage ich mich, warum solche selbstlosen Genies in ihrer grenzenlosen Güte noch kein Bundesverdienstkreuz erhalten haben. Ist das nicht nett? Müsste nicht jeder Immigrant quasi im Antlitz dieser grenzenlosen Gnade auf die Knie fallen und sofort seine Muttersprache, seine Kultur, seine Vergangenheit oder gleich sich selbst an den Nagel hängen?

 

Und sollte nicht jeder, der sich unverschämterweise erdreistet, ein Stück vom großen Kuchen abhaben zu wollen, sofort umkehren und zurück über das Mittelmeer schwimmen, wenn eine deutsche Hausfrau feststellt: „Ich habe nichts gegen Kriegsflüchtlinge, aber der Rest muss hier keinem auf der Tasche liegen, nur weil er der Meinung ist, hier wäre alles möglich. Die Völkerwanderung hat begonnen und jeder, der es kann, haut sich damit die Taschen voll! Es reicht langsam!“

 

Was genau reicht denn langsam? Die Völkerwanderung hat nie aufgehört, liebe Sittenwächter! Seit seinerzeit ein paar Primaten in Afrika losgelaufen sind, hat sich die Menschheit bewegt, und zwar immer aus denselben Gründen. Aber die blankgeschrubbten Gutmenschen stehen nun (wieder) hinter ihren Gardinen und beobachten die bösen dunkelhäutigen Männer, die sich am Sperrmüll der Vorstadtidylle vergreifen, oder fluchen über die Kinder von „denen“, die im Spielzeugladen um die Ecke was mitgehen lassen. Hey, wie viele Ossis haben nach Mauerfall geklaut, weil sie mit ihren Hundert West in der Tasche den bunten Überfluss zwar anschauen, aber nicht bezahlen konnten?

 

Fassen wir uns also an die eigene Nase, wenn wir schon eingegrenzt hinter unserer Fensterscheibe auf Beobachtungsposten stehen. Und vielleicht erinnern wir uns an die eigene deutsche Völkerwanderung, als 1945 die Landsleute aus Schlesien und Pommern vergeblich an verschlossene Türen klopften … oder aber an 1989, als die Brüder und Schwestern so gar nicht mehr willkommen waren, nachdem an der Berliner Mauer das Licht ausging. Ausgrenzung hat nichts mit der Hautfarbe, Religion oder Nationalität zu tun. Im Gegenteil! Wenn wir die furchtbar egoistischen Flüchtlinge nicht hätten, über deren Schicksal und Qualifikation in punkto Asyl so gern im heimischen Wohnzimmer sowie am Stammtisch entschieden wird, dann würden wir uns wahrscheinlich selbst an die Gurgel springen.

 

Denn wenn selbst ein SPD-Chef in Heidenau im Rahmen seiner durchaus berechtigten Rede gegen die  Ausgrenzung den zugegebenermaßen engstirnigen Knallköpfen mit kriminellem Potenzial entgegenruft: „Ihr gehört nicht zu uns, euch wollen wir nicht!", dann macht er im Grunde genommen nichts anderes. Wer andere ausgrenzt, grenzt sich selber ein. Und solange wir uns gegenseitig die Bretter vor die Birne nageln, werden wir die ENTgrenzung nicht vollziehen. Denn die beginnt bekanntermaßen im Kopf und erfährt ihre Wahrhaftigkeit, wenn auch der letzte Biedermann hinter seiner Gardine hervorkommt und sich endlich der Realität stellt: Wir alle sind Bewohner dieses einen Planeten – mit denselben Rechten und Pflichten. Ob nun Aus-, Ein-, Be- oder Entgrenzung – es ist keine Frage der Herkunft, sondern nur des Verstandes.

 

Machen wir also das Beste draus!

Eure Mari

Mari März ist Mitglied bei Writers Online
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© Mari März (2014 - 2017)