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Ice Bucket Challenge … dekadenter Unsinn oder medienwirksame Hilfe?

In den vergangenen Jahren dachte man sich so einiges aus, um das berühmte Sommerloch zu stopfen und die trägen und überhitzten Holiday-Hirne der gelangweilten Bevölkerung auf Trapp zu bringen. Wenn man es allerdings genau nimmt, gab es in diesem Jahr ausreichend Anlässe, seinen Verstand wach zu halten und zu handeln: der nahe Osten, die Ukraine, Ebola… und natürlich der Rücktritt unseres Berliner Bürgermeisters. Eigentlich genügend Gründe, wachsam zu sein und Geld an die zu spenden, die es dringend brauchen. (Herrn W. aus B. schließe ich da mal aus.)

 

Aber wollen wir die Berichterstattungen aus Kriegs- und Krisengebieten, die Bilder zerbombter Häuser, von Selbstmordattentaten und zahllosen Menschen, die unwürdig in ihrem eigenen Dreck verrecken müssen, überhaupt noch sehen? Im Sommer! Ist noch Platz auf unserer Hollywoodschaukel  für einen Zeitungsartikel über Mord, Totschlag, Krankheit und verhungernde Kinder?

 

Diese oder ähnliche Fragen stellte sich im Zweifel jener kluge Kopf, der die ALS-Ice-Bucket-Challenge ins Leben rief. Er wusste, dass unser verwöhntes, überreiztes und in der Sommerhitze wohl etwas eingetrocknete Gehirn viel lieber gesunde und schöne Menschen sieht, die sich einen Kübel Eis über die Rübe gießen und dabei Spaß haben. Gut gemacht! In Marketing gibt’s dafür eine Eins.

 

Und wir? Wir machen alle kräftig mit und sind dann auch noch stolz auf uns. Es ist ja schließlich wichtig und für einen guten Zweck. Richtig! Wichtig ist die Aufklärung über diese furchtbare Krankheit Amyotrophe Lateralsklerose (ALS). Wichtig ist auch die Hilfe und Spendenbereitschaft der Bevölkerung. Aber um jeden Preis? Geht es hier tatsächlich noch um Nächstenliebe oder eher um (Selbst-)Vermarktung?

 

Derzeit leben weltweit 783 Millionen Menschen ohne Zugang zu sauberem Wasser. Das kostbare Nass wird langsam knapp auf unserem Planeten. CO2 belastet die Umwelt. Heute ist es politisch korrekt, wenn man sich vegetarisch ernährt, weil die Kühe zu viel pupsen auf der Weide und sowieso viel zu viel Wasser trinken. Aber Verschwendung für eine Krankheit, für den guten Ruf, das eigene Ego ist erlaubt? Der gute Zweck heiligt hier also die Mittel?

 

Wie viel Liter feinstes Trinkwasser wurden eisgekühlt über wohlgenährte Körper gekippt, um ZU HELFEN? Was kommt danach? Wie wird diese Ice Bucket Challenge noch zu toppen sein? Bewerfen wir uns mit Kaviar, wenn es um Krebs geht? Baden wir in Champagner, um AIDS mal wieder in den Focus der Öffentlichkeit zu rücken? Welche (tödlichen) Krankheiten gibt es da eigentlich noch? Ach, gibt es noch mehr davon… außer ALS? Noch mehr Elend? Echt?

 

Ursprünglich hieß es: Spenden ODER Eiswasser über den Kopf. Hätte das Spenden nicht gereicht? Von mir aus auf YouTube und Facebook. Medienwirksam. Bildgewaltig. Werbeträchtig.

Natürlich inklusive der Nominierung! Vernetzt. Verlinkt. Mit Retweet und + und Like. Und alle machen mit…

 

Der Mensch hat den Herdentrieb evolutionär noch nicht überwunden. Okay, nutzen wir ihn! Die ALS Association hat nach eigenen Angaben allein in einem Monat Spenden in Höhe von 88,5 Millionen US-Dollar (rund 67,2 Millionen Euro) eingenommen. Da bewegt sich was, und das ist gut so. Ich wünsche mir mehr solcher Aktionen, aber bitte zukünftig mit etwas mehr Verstand! Wie wäre es, wenn die nächste Challenge unter dem Motto stünde: Spende oder Stromsparen, Spende oder Baum pflanzen oder beides oder einfach „nur“ spenden.

 

In diesem Sinne…

Eure MARI MÄRZ

Mari März ist Mitglied bei Writers Online
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© Mari März (2014 - 2017)