Ode an die Sprachkunst! Oder: Ich schreibe, also bin ich (Autor)?

 

 

„Nichts Hohes erreicht der Künstler, der nicht an sich selber zweifelt“, soll einst das berühmte Universaltalent Leonardo da Vinci gesagt haben. Nun könnte man meinen, dass die Maßstäbe vor fünfhundert Jahren noch andere waren und der alte Florentiner heute entsprechend anders denken würde. Aber würde er wirklich? Wie wird ein Mensch zum Genius, zum Virtuosen, zum Star seiner Epoche: durch Mittelmaß, Glück, Marketing? Oder sind nicht vielmehr Attribute wie Leidenschaft, Verstand, Talent, Opferbereitschaft für den nachhaltigen Erfolg verantwortlich … und ein Fünkchen Demut?

 

Selbstredend möchte ich niemandem zu nahe treten, obwohl … eigentlich schon. Also nicht in Person, keinesfalls unter die Gürtellinie und auch niemals im Bösen, doch angesichts der fast schon inflationären Bezeichnung „Autor“ in der digitalen Neuzeit umtreibt mich die Frage: Wer darf sich Autor nennen und wer nicht?

 

Aus dem Lateinischen entlehnt, bedeutet das Wort „auctor“ so viel wie Urheber, Schöpfer‚ Förderer oder Veranlasser – gemeint ist im weitesten Sinne der Verfasser eines Textes. Schön und gut. Also könnte sich im Grunde jeder „Autor“ nennen, der einen Einkaufszettel schreibt oder Tagebuch führt. Aber ist es tatsächlich so einfach? Sollte es wirklich jedem erlaubt sein, sich Autor zu nennen?

 

Manchmal fühle ich mich wie Dieter Bohlen ...

 

Wenn ich beispielsweise in den einschlägigen Internet-Foren oder Communities die mitunter fragwürdigen Diskussionen zur "neuen Rechtschreibung" verfolge, die im Übrigen zehn Jahre alt ist, dann wird mir gelinde gesagt schlecht. Und wenn ich darüber hinaus lesen muss, wie selbsternannte Autoren Sätze von sich geben, wie: „Ist mir egal, ob das falsch geschrieben ist. Für mich sieht es so aber besser aus.“, dann schwillt mir die Halsschlagader. Verkommt das Schreiben zum Trend? Ist die Buchveröffentlichung tatsächlich nichts anderes als Mainstream? Bisweilen erinnert die mannigfaltige Explosion der Autorenschaft an die Zeit, als Deutschland mit hoher Nachfrage den Superstar suchte und auf einmal jeder Zweite im Land Sänger werden wollte. Dann fühle ich mich manchmal wie Dieter Bohlen und kann seine legendären Wutanfälle durchaus nachvollziehen, die diese Sendung seinerzeit so erfolgreich gemacht haben. Ein paar Ampeln weiter hat nun auch in diesem „Metier“ die Qualität das Zepter übernommen, was für die Buchbranche hoffen lässt. 

 

Viele Autoren beschweren sich, gerade im Kontext der aktuellen Debatte zum Urheberrecht, über die miese Bezahlung und das schlechte Standing. Doch seien wir mal ehrlich: das alte Sprichwort „viele Köche verderben den Brei“ passt in diesem Zusammenhang wie Arsch uff Eimer. Natürlich sollte jeder das Recht besitzen, ein Buch zu veröffentlichen. Doch wenn das Angebot quasi die Nachfrage übersteigt, sinken nun einmal Preis und Prestige. Wir sollten also kollektiv nicht höhere Reglementierung vonseiten des Staates fordern, sondern mehr Qualität von den Autoren - also uns selbst. Kürzlich habe ich den Begriff „Goldgräberstimmung“ in einem interessanten Diskurs zum Thema gelesen, welcher den derzeitigen Zustand ziemlich gut beschreibt. Wischt man die gute Erziehung, Diplomatie und politische Korrektheit einmal beiseite, bleibt zumindest für mich die Tatsache übrig, dass im Selfpublisher-Bereich die reinste Anarchie herrscht und im Verlagswesen man die Spreu nicht mehr vom Weizen trennen kann oder will.

 

Autor oder Einkaufszettelschreiber?

 

Aber kommen wir zurück zur Eingangsfrage und dem Grund, warum ich diesen Artikel überhaupt verfasse. Als Pedant und Idealist habe ich lange mit mir gehadert, ob ich mit der Veröffentlichung meines Debüts im Jahre 2014 eine Autoren-Website erstellen und in meinen Social-Media-Profilen die Bezeichnung „Autorin“ aufführen soll. Ehrlich gesagt habe ich bis heute irgendwie Bauchschmerzen dabei. Denn ist es tatsächlich so einfach: Ich schreibe, also bin ich (Autor)? Dann müsste ich auch Lehrer sein, weil ich meinem Sohn bei den Schularbeiten helfe … oder Frisör, weil ich meinem Mann die Haare schneide … oder Chirurg, weil ich es fertigbringe, mir einen Splitter aus dem Finger zu ziehen … Okay, das wird gerade etwas pathetisch, doch das Elend in Bezug auf die nicht-geschützten Berufsbezeichnungen ist doch letztlich, dass heute jeder seine geistigen Ergüsse veröffentlichen kann. Grundsätzlich eine gute Sache, ich liebe die Freiheit und möchte sie nicht missen. Aber ähnlich wie bei DSDS glauben scheinbar immer mehr „Autoren“, dass sie über Nacht zum Superstar und Spitzenverdiener avancieren können, wobei die Größe der Erwartungen nicht selten proportional zum fehlenden Anspruch steht. Jaaa, ich weiß, mir steht es nicht zu … Klugscheißen, Arroganz und so.

 

"Stets bemüht" reicht mir nicht!

 

Selbstverständlich liegt es mir fern, über die Qualität der unzähligen literarischen Werke zu urteilen, schließlich habe auch ich nicht am Stein der Weisen geleckt, aber „stets bemüht“ reicht mir persönlich nicht. Immer öfter begegne ich im Netz „Autoren“, die keinen einzigen Satz fehlerfrei schreiben können, die lediglich über einen (fast kriminell) verkümmerten Wortschatz verfügen und denen es scheißegal ist, wenn sie unser Mütterchen Sprache verschandeln. Nehmt es mir nicht krumm, aber in diesen Situationen wünsche ich mir so manches Mal, dass die Barrieren wieder höher werden – in diesem Markt der Sprachschaffenden. Auch wenn es mir dann wahrscheinlich selbst verwehrt bliebe, sehne ich mich nach einer Zeit, in der es lediglich den talentierten und protegierten Schreiberlingen vorbehalten war, ein Buch zu veröffentlichen. Als das hohe Gut, die Sprache selbst, als solches geschätzt und der Umgang behutsam sowie voller Ehrfurcht war, stellte der Autor eine (wenngleich nicht immer reiche) Autorität dar – gegenüber seinem Publikum aber auch in Bezug auf sich selbst und sein Schaffen. 

 

Multitalent Johann Wolfgang von Goethe und mein Rockstar des Sturm und Drang: Friedrich Schiller

 

Und heute? Ist das Bewusstsein für Sprache verloren gegangen, die Lust am Wortspiel, der Anspruch an die Kunst, mit Worten etwas zu erschaffen? Wir Selfpublisher müssen uns nicht beschweren, wenn dieser Bereich des Buchmarktes auf die egozentrische Selbstverwirklichung und den naiven Wunsch, ab morgen berühmt zu sein, reduziert wird. Es geht mir nicht darum, dass jeder Autor ein Sprachgenie sein muss, auch ist kein Buch perfekt, das betone ich immer wieder. Aber das Ziel sollte doch sein, ein gutes, handwerklich einwandfreies Werk zu veröffentlichen, das zumindest in puncto Rechtsschreibung und Grammatik den Qualitätsstandards entspricht, die der Duden uns vorgibt.

 

Ist das Bewusstsein für Sprache verloren gegangen?

 

Ich wünsche mir noch mehr Autoren, die sich ihrer Verantwortung gegenüber der Sprachkunst bewusst sind, diese als solche schätzen und genau deshalb höchste Ansprüche an sich selbst stellen. Wo ist das hehre Ziel geblieben, als Autor etwas Großes für die Nachwelt zu kreieren, das von Dauer ist und mit Beständigkeit nachhallt in den Herzen aber auch in den Köpfen der werten Leserschaft? Ich rede von der Liebe zur Sprache, der Passion, eine wertvolle Geschichte zu erzählen und dem Drang, der Welt etwas mitzuteilen, weil genau darin der Sinn unseres Daseins besteht.

 

Wenn ich beispielsweise die Frage lese „Wie viele Seiten muss ein Buch haben?“, dann frage ich mich ernsthaft, wie viele Bücher der- oder diejenige gelesen hat und in welchem Ausmaß sich mit dem Schreiben tatsächlich befasst wurde. Als Lektorin erhalte ich regelmäßig Anfragen, die mein Herz zum Bluten bringen. Zum Glück genieße ich die Freiheit, Aufträge ablehnen zu dürfen. Man kann nicht jedem helfen. Andererseits muss nicht jeder Sprachschaffende gleich ein Nitzsche, Hemingway, Wilde, Joyce, Schiller, Fontane, Hesse oder Hauptmann sein. Aber zumindest sollte man sich als Autor für die namhaften Größen des entsprechenden Genres interessieren und von diesen lernen (wollen). In meinem Schreibratgeber gehe ich noch näher auf dieses Thema ein, doch möchte ich hier den Klassiker der Schreibtipps gern wiederholen:

 

"The most important thing is to read as much as you can, like I did. It will give you an understanding of what makes good writing and it will enlarge your vocabulary."

 

(Das Wichtigste ist, so viel wie möglich zu lesen, wie ich es tat. Es wird Ihnen ein Verständnis von dem vermitteln, was gutes Schreiben ausmacht und es wird Ihren Wortschatz vergrößern.)

 

J. K. Rowling schuf auf einer kleinen Schreibmaschine ein großes Werk - und das nicht nur deshalb, weil sie Talent und Leidenschaft besitzt. Es ist vielmehr die Demut eines Da Vincis, welche uns wachsen lässt. Dieser bittersüße Selbstzweifel, der uns antreibt, besser zu werden.

 

 

Während ich diese Zeilen schreibe, versöhne ich mich bereits mit dem Gedanken, dass mir einige Autoren still zustimmen, während andere, in höherer Zahl, lauthals ihr Veto entgegenrufen werden. Aber es hilft ja nichts, es muss einfach raus. Jeder, der mich kennt, weiß, dass ich die Dinge gern auf den Punkt bringe (auch wenn ich dafür meistens einen längeren Auflauf benötige). Deshalb lautet mein Statement, für das ihr mich gern an den Pranger stellen könnt: Wer versteht, dass Worte mehr sind als nur ein Mittel zum Zweck, wer die Schönheit in den Kreationen entdeckt, die Macht der Spannung, die Verantwortung gegenüber sich selbst und seinem Publikum … wer begreift, dass das Schreiben im unmittelbaren Einklang mit dem Lesen steht, der ist für mich - unabhängig von der Quantität der publizierten Werke - ein Autor. Alle anderen sind nur Einkaufszettelschreiber. 

 

Eure Mari März (2016)

Mari März ist Mitglied bei Writers Online
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© Mari März (2014 - 2017)