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Toleranz für alle! Inklusion um jeden Preis?

Samstag, 25. Januar 2014

 

 

 

Aus aktuellem Anlass möchte ich heute über Toleranz und Gleichberechtigung schreiben. Ganz konkret geht es um den Hilferuf einer Familie, die für ihr Kind keine Einzelfallbetreuerin mehr hat. Die Unterstützung wurde einfach gestrichen, die Eltern allein gelassen.

 

Die Grundidee der Chancengleichheit ist seit langem in unserem Grundgesetz festgeschrieben. Jedes Kind in unserem Land hat ein Recht auf Bildung, persönliche Entfaltung, und niemand darf wegen seiner Behinderung benachteiligt werden.

 

Ich sage: Richtig so! Meine Mutter ist Sonderschulpädagogin (im Ruhestand). Ich selbst habe miterlebt, wie sie ihr halbes Leben darum kämpfte, dass verhaltensauffällige Kinder nicht einfach in Sonderschulen abgeschoben werden. Die Zeiten sind nunmehr vorbei. Wir haben dazu gelernt.

 

Seit ein paar Jahren wird auch in Brandenburg umgesetzt, was unsere Zivilisation uns hätte längst gebieten müssen. So heißt es beispielsweise auf der Internetseite des Bildungsministeriums:

 

„Alle Kinder haben die gleiche Chance auf Bildung. Individuelle Fähigkeiten können sich voll entfalten. Diskriminierung und Beeinträchtigung von Fähigkeiten und Begabungen sind ausgeschlossen - das sind die Ziele der UN-Behindertenrechtskonvention, die seit März 2009 auch in Deutschland gilt und im November 2009 von der brandenburgischen Landesregierung im Koalitionsvertrag verankert wurde.“ (http://www.mbjs.brandenburg.de)

 

Hier heißt es weiter, dass derzeit ein Entwicklungsplan erarbeitet würde. Und genau da liegt doch der Hase im Pfeffer: Theorie und Praxis liegen meilenweit auseinander!

 

Frau Löhrmann, wir haben keine Angst vor dem ersten Schritt. Nur, wer den zweiten vor dem ersten macht, kommt leicht ins Straucheln. Um eine Idee umzusetzen, bedarf es mehr als nur schöner Worte. Unsere Kinder sind keine Laborratten, an denen man für die Zukunft üben kann! Wer Inklusion erfolgreich umsetzen will, muss auch die Basis dafür schaffen.

 

Denn Tatsache ist, dass die Lehrer im täglichen Schulalltag schon jetzt überfordert sind. 25 bis 30 Schüler pro Klasse sind der Normalfall.  Selbst wenn hier nur Musterschüler lernen würden, hätte der durchschnittliche Pädagoge schon eine Herausforderung zu meistern. Fakt ist aber, dass es in der modernen Inklusionsschule in jeder Klasse mehr oder weniger geistig- und/oder körperlich behinderte Kinder gibt. Wie soll ein einzelner Lehrer hier den individuellen Fähigkeiten und Begabungen aller Kinder gerecht werden? Wo ist die Einzelfallförderung? Wo sind die Integrationshelfer? Wo ist die zusätzliche Lehrkraft pro Klasse?

 

Sollen unsere Kinder tatsächlich so Toleranz erlernen? Wir können uns zivilisiert und tolerant nennen, wie wir wollen. Wir können uns alle gemeinsam wünschen, unvoreingenommen und freundschaftlich miteinander umzugehen. Aber wir stammen nicht vom lieben Herrgott, sondern vom Affen ab. Das Gesetz des Stärkeren ist in unserem Hirn abgespeichert und tritt spätestens zutage, wenn es um einen Mangel geht. Dann wird der Starke zum Rudelführer und der Schwache wird ausgegrenzt. Soll es wirklich (wieder) soweit kommen?

 

Natürlich nicht. Niemand möchte das. Alle Kinder haben dasselbe Recht auf Bildung. Deshalb ist der Grundgedanke der Inklusion ein sehr ehrenwerter. Wenn es aber „die Zustimmung Aller erfordert und deshalb gesamtgesellschaftliche Bedeutung besitzt“, dann müssen auch endlich die Grundlagen dafür geschaffen werden.

 

Ich spreche den Verantwortlichen nicht den Willen ab, hier ihr Bestes zu geben. Aber der Wille allein reicht da nicht aus, es muss schneller gehen! Wir brauchen JETZT die nötigen Ressourcen! Unsere Kinder wollen und müssen heute lernen und gefördert werden. Da können wir nicht warten, bis irgendwann Einigkeit in der Politik herrscht und die Fachkräfte endlich aus- und weitergebildet wurden.

 

HEUTE braucht ein Kind einen neuen Einzelfallhelfer! HEUTE wollen unsere Kinder lernen. HEUTE sind Eltern verunsichert! HEUTE üben wir Toleranz. HEUTE wollen wir die Inklusion. Aber um jeden Preis?

 

Kommentare sind gerne gesehen. Konkrete Vorschläge noch viel lieber.

 

In diesem Sinne ...

Ihre/Eure Mari März

Mari März ist Mitglied bei Writers Online
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© Mari März (2014 - 2017)