CANDYGIRL

 

Autor: Michael Merhi

Genre: Horror/Thriller

Printausgabe: 16,04 Euro (355 Seiten)

E-Book: 2,99 Euro

Eine gelungene Anklage mit literarischem Charme

 

Als Autorin, Lektorin und Ghostwriterin genieße ich Bücher leider nicht mehr ausschließlich als Freizeitlektüre. Es ist quasi eine Berufskrankheit, wenn ich beim Lesen Ungereimtheiten sowie Fehler im Ablauf und Ausdruck, in der Rechtsschreibung oder Grammatik suche und leider allzu oft auch finde. Dennoch oder gerade deshalb muss ich der hier zitierten Lektorin Marlies recht geben: Michael Merhi besitzt Talent.  

 

Sicherlich besteht (zumindest nach meinen Ansprüchen) an manchen Stellen Nachbesserungsbedarf und bis zum Vergleich mit dem großen Stephen King muss noch ein bisschen mehr Wasser die Spree hinunterlaufen, aber alles in allem finde ich das Debüt von Michael Merhi recht passabel und hoffe, dass wir bald mehr von ihm lesen werden.

 

Dem Autor ist es gelungen, mit seinen wenngleich äußerst morbiden Beschreibungen den Leser in seinen Bann zu ziehen. Besonders hat mir gefallen, dass es kein klassisches Schwarz-Weiß-Schema gibt. Im Gegenteil: die Motive der Täter und Opfer verschwimmen im Rahmen dieser sehr intensiven Geschichte. Durch den Perspektivwechsel erfährt der Leser sowohl die Hintergründe von Candis Bernstein alias Candygirl als auch von Robert Dunhill alias Schweineschwarte Bob, alias The Pig, alias Bobby der Pyromane, alias das Monster.

 

Wer tiefer in das Schicksal der beiden Protagonisten eintaucht, versteht den Roman von Michael Merhi nicht nur als Unterhaltung, sondern als Mahnung. Der Autor klagt zwischen den Zeilen an, ohne dabei den Zeigefinger überdeutlich zu erheben. Er beschreibt die Grausamkeiten einer realen Welt, auch wenn ihm am Ende die berühmten Pferde durchgehen. Die letzten Seiten des Buches erinnern an Quentin Tarantino in seinen dunkelsten Zeiten. Doch der Autor bleibt damit sehr wohl im Genre „Horror“ und nimmt durch seine überzogenen Darstellungen der Geschichte zumindest ein stückweit ihren realen Schrecken.

 

Kurzum: Michael Merhi reiht nicht nur Wort für Wort aneinander. Inmitten seiner zum Teil überaus authentisch beschriebenen Grausamkeiten gelingen ihm Satzkreationen und wunderbare Vergleiche. Die Metaphorik in Bezug auf das „OINK, OINK“ oder aber die diversen Alias-Beschreibungen sowie die Repetition „weinrotes Haar, glasblaue Augen und teetassengroße Brüste“ besitzen einen gewissen literarischen Charme. Auf so manch andere Wiederholung hätte der Autor hingegen lieber verzichten sollen. Auch ist der Kindesmissbrauch nicht nur in Amerika ein Thema. Hier traut sich der Autor hoffentlich demnächst auf heimisches Terrain und erzählt aus Berlin.

 

Für das nächste Werk des Autors wünsche ich mir eine präzisere Recherche, ein noch besseres Lektorat, mehr Synonyme, mehr Thrill und eine weitere Geschichte, die so grausam schön unter die Haut geht.  

 

Mari März, im Oktober 2016

Mari März ist Mitglied bei Writers Online
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