#HollywoodSyndrom

Die Sehnsucht nach dem Verfall 

Wie verzerrt ist unsere Wahrnehmung bereits, können wir überhaupt noch zwischen Fiktion und Wirklichkeit unterscheiden? Meine Gedanken hierzu habe ich in dieser kleinen Reihe mit dem Titel #HollywoodSyndrom zusammengefasst. Heute: Die Sehnsucht nach dem Verfall

Natürlich sind wir in der Lage, unseren Alltag ohne rosarote Brille wahrzunehmen. Oder? Immer öfter lese oder höre ich Sprüche von selbsternannten Agitatoren, wie: »Wo ist denn das Virus? Wo sind die vielen Toten?« Und auch ich ertappe mich mehrfach täglich dabei, unsere momentane Situation zu hinterfragen, wenn ich spazieren gehe, mir ein Eis hole oder Kinder auf einem Spielplatz sehe. Dieser Anblick erinnert so wenig an all die Filme über den Weltuntergang oder die unzähligen Dystopien und Science-Fiction-Romane. Letztes Jahr schrieb ich PLANET DER ALTEN und hätte niemals gedacht, dass die Essenz davon nur ein paar Monate später Realität sein kann. Auch in mir ruft heute bisweilen eine Stimme: »Stimmt das alles wirklich?«

Die Frage ist wahrscheinlich so alt wie die Menschheit. Jahrtausende glaubten wir an Götter, die es für uns schon irgendwie richten sollten. Und heute? Heute sind wir alle so furchtbar aufgeklärt, dass wir nur noch glauben, was wir sehen, fühlen, anfassen können, dabei hoffen wir genauso auf einen Heiland, der uns rettet, uns die Angst nimmt und ein gutes Gefühl verschafft. Wir sehnen uns nach dem Verfall, nach dem Armageddon, der Apokalypse, wir sind auf der Suche nach der ultimativen Wahrheit, die uns endlich Gewissheit verschafft, dass wir nicht angelogen werden. Erst, wenn sich jemand aus unserem Umfeld infiziert oder stirbt, wüssten wir, dass dieses Virus tatsächlich existiert. Denn nur, was wir mit eigenen Augen sehen, können wir auch begreifen. Oder? In unseren Köpfen sind Bilder von überfüllten Krankenhäusern, leeren Städten, Leichenbergen wie in OUTBREAK, WORD WAR Z, CONTAGION oder THE WALKING DEAD ... Das sind die richtigen Weltuntergangsszenarien, aber nicht doch unser Alltag. Tief in uns drin wünschen wir uns einen Will Smith, der uns das Gegenmittel in einem Keller zusammenbraut wie in I’M LEGEND. Aber unsere Welt ist kein Blockbuster, wir sind keine Statisten im dystopischen Setting eines Hollywoodfilms, wir können unseren Alltag nicht in hübsche Schubladen sortieren, auf denen Schwarz und Weiß steht. Da ist kein Bruce Willis, der alles wieder geradebiegt und da sind auch keine 12 MONKEYS, die einen Virus erschaffen, um ... Ja, warum eigentlich? In diesen Tagen höre ich so manche Verschwörungstheoretiker da draußen, die glauben, am Stein der Weisen geleckt zu haben. Bisher habe ich keine Antwort darauf erhalten, wer denn nun die Sieger dieser Pandemie sind, wenn diese Krise doch handgemacht sein soll. Die Politiker? Die Wirtschaft? Wer sind die Guten, wer die Bösen? Was, wenn es diese Schubladen gar nicht gibt? Was, wenn diese Pandemie nicht so schrecklich ist wie die Spanische Grippe, Pest, Cholera und all die anderen Pandemien in der Geschichte der Menschheit? Was, wenn die Wirklichkeit keine actionreiche Darstellung aus Hollywood ist? Glück gehabt, würde ich sagen. Wir brauchen kein Drama, kein Glitzer, keine überzogene Abbildung, denn unsere Welt ist auch so bunt und schützenswert. Wir müssen eben nur mal genau hinschauen und an uns selbst glauben ...

Eure Mari